| Der Urheber der Myozentrik, Dr. Bernard Jankelson
setzte dieses neuromuskuläre Funktionsbild bewusst dem mechanistischen
der damals aufkeimenden scharnierachsenbezogenen Gnathologie entgegen.
Dem entsprechend war es kein Wunder, dass die Myozentrik von den
Gnathologen ebenso abgelehnt wurde, wie anders herum die Gnathologie von
den Myozentrikern, und dass diese Abneigung sich zum Teil bis heute
erhalten hat, vor allem in den Regionen der Welt, wo die klassische
Gnathologie noch immer praktiziert wird. In der Tat prallen hier zwei
völlig unterschiedliche Auffassungen aufeinander, auch wenn manch einer
meint, irgendwie beides zusammenführen zu können.
Es
begann mit scheinbaren Kleinigkeiten: Dr. Jankelson hielt an der vor der
gnathologischen Ära üblichen Übertragung des Unterkiefermodells mit
Bezug zur Kauebene fest, während in der Gnathologie gewöhnlich das
OK-Modell mit einem nach der Scharnierachse orientierten Gesichtsbogen
ohne Bezug zur Kauebene übertragen wird. Doch es geht weiter:
In der Gnathologie wird gewöhnlich der Unterkiefer des Patienten vom
Behandler manipuliert, zum einen, für die Registrierung der Zentrallage,
zum andern zum Abtasten der Grenzbewegungen, um den Artikulator dann
entsprechend einzustellen. Das alles mit dem Patienten in Rückenlage. In
der Myozentrik liegt das Hauptinteresse des Behandlers dagegen in der
Entspannung chronisch verkrampfter Kaumuskulatur. Die hartgewebliche
Okklusion der Zähne kann manchmal die Muskulatur veranlassen, den
Unterkiefer in ausgesprochene Zwangsstellungen zu führen, um den
okklusalen Schlussbiss herstellen zu können. Das kann bis zur Verrenkung
der Kiefergelenke führen, wenn ein Schlussbiss nur mit verlagerten Diszi
überhaupt erreichbar ist! Die Muskulatur verspannt sich hier meist
chronisch, das heißt, auch in der Ruhe-Schwebe des Unterkiefers
entspannt die Kaumuskulatur nicht mehr, sondern bleibt verkrampft.
Grenzbewegungen in subluxierte Gelenkstellungen sind für den
Myozentriker ohne jedes Interesse, daher unterbleiben Manipulationen des
Unterkiefers des Patienten vollständig. Vielmehr liegt das besondere
Augenmerk darauf, eine einmal erreichte muskuläre Entspannung nicht
durch das Registrierverfahren selbst wieder zunichte zu machen. Hierfür
muss sich der Patient während der Registrierung in einer aufrechten
Körperhaltung befinden.
Selbst
dentale Vorkontakte, welche für Okklusionsstörungen und Dysfunktionen
verantwortlich gemacht werden, unterscheiden sich diametral: Werden in
der Gnathologie meist posteriore exzentrische Störungen gesucht,
gefunden und eingeschliffen, so zeigt sich in der Myozentrik, dass nach
der Entspannung der Muskulatur die posterioren Zähne häufig völlig außer
Kontakt stehen und ein Einschleifen dort das Problem der
Muskelverspannung eher noch verstärken würde. Die Bisshebung um die
Scharnierachse hat in der Gnathologie noch nie gut funktioniert, denn
sie führt zu einer höheren und retraleren Zentrallage, und wird von
vielen Gnathologen auch nach Möglichkeit vermieden. In der Myozentrik
treten nach der Muskelentspannung sehr häufig vertikale Insuffizienzen
zu Tage, und die Myozentrik findet sich nicht selten in einer höheren,
aber auch mesialeren Kieferposition, welche klinisch vom Patienten so
gut wie immer sofort angenommen wird.
Böse Zungen behaupten gerne, dass die Myozentrik den Unterkiefer
immer protrudiere. Früher ging die Argumentation um die TENS*-Impulse
selbst: Zuerst wurde behauptet, diese erfolge nicht auf neuralem Wege,
erreiche daher nur die Massetermuskulatur und führe daher nicht zu
validen Bisslagen. Als die neurale Leitung der TENS-Impulse dann
erwiesen war, drehte man die Argumentation kurzerhand um: Da bei der
Kontraktion auch die Mm. pterygoidei laterales stimuliert würden, könne
sich keine valide Bisslage ergeben. Außenstehende können natürlich nicht
wissen, dass Myozentriker heute sehr differenziert mit dem TENS-Gerät
umgehen und die Tage der Bissregistrierung unter hohen TENS-Amplituden
längst vorüber sind. Die TENS ist für die vorbereitende
Muskelentspannung von großer Bedeutung, nicht aber für die
Bissregistrierung selbst. Und so ergeben sich bei der modernen
Myozentrik von alleine fast immer Neutralbisse. Anglebeziehungen der
Klassen II oder III, oder Mittellinienverschiebungen kommen klinisch nur
bei dentoalveolären Verschiebungen, skelettalen Fehlentwicklungen, oder
gelegentlich einmal bei ungelösten Blockaden in den Kiefer- oder
Kopfgelenken vor, welche dann vom versierten Myozentriker in die weitere
Therapie mit einbezogen werden.
Es bleibt zusammenzufassen:
- Die Muskelfuktion ist für die Myozentrik von oberster Bedeutung.
Die Kaumuskulatur muss vor einer Bissregistrierung entspannt werden,
g.g.F. auch gezielt durch Ko-Therapeuten.
- Die Registrierung der UK-Lage erfolgt nur bei aufrechter
Körperhaltung und ohne jede Manipulation von außen. Die angewandte
Registriertechnik selbst stellt sicher, dass der muskuläre Ausgleich
nicht durch die Registrierung selbst wieder verloren geht.
- Die Myozentrik leitet sich aus einer entspannten und
ausgeglichenen Ruhe-Schwebe des Unterkiefers ab. Sie ist nicht nur
eine Bissnahmetechnik, sondern ist eingebettet in eine
funktionell-orthopädische Sichtweise zu verstehen.
* TENS = Transkutane elektrische Neural-Stimulation |