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                Myozentrik

 

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Was ist sie, was nicht?
Myozentrik in der BRD
40 Jahre Myozentrik

 

 

Der Urheber der Myozentrik, Dr. Bernard Jankelson setzte dieses neuromuskuläre Funktionsbild bewusst dem mechanistischen der damals aufkeimenden scharnierachsenbezogenen Gnathologie entgegen. Dem entsprechend war es kein Wunder, dass die Myozentrik von den Gnathologen ebenso abgelehnt wurde, wie anders herum die Gnathologie von den Myozentrikern, und dass diese Abneigung sich zum Teil bis heute erhalten hat, vor allem in den Regionen der Welt, wo die klassische Gnathologie noch immer praktiziert wird. In der Tat prallen hier zwei völlig unterschiedliche Auffassungen aufeinander, auch wenn manch einer meint, irgendwie beides zusammenführen zu können.

Es begann mit scheinbaren Kleinigkeiten: Dr. Jankelson hielt an der vor der gnathologischen Ära üblichen Übertragung des Unterkiefermodells mit Bezug zur Kauebene fest, während in der Gnathologie gewöhnlich das OK-Modell mit einem nach der Scharnierachse orientierten Gesichtsbogen ohne Bezug zur Kauebene übertragen wird. Doch es geht weiter:

In der Gnathologie wird gewöhnlich der Unterkiefer des Patienten vom Behandler manipuliert, zum einen, für die Registrierung der Zentrallage, zum andern zum Abtasten der Grenzbewegungen, um den Artikulator dann entsprechend einzustellen. Das alles mit dem Patienten in Rückenlage. In der Myozentrik liegt das Hauptinteresse des Behandlers dagegen in der Entspannung chronisch verkrampfter Kaumuskulatur. Die hartgewebliche Okklusion der Zähne kann manchmal die Muskulatur veranlassen, den Unterkiefer in ausgesprochene Zwangsstellungen zu führen, um den okklusalen Schlussbiss herstellen zu können. Das kann bis zur Verrenkung der Kiefergelenke führen, wenn ein Schlussbiss nur mit verlagerten Diszi überhaupt erreichbar ist! Die Muskulatur verspannt sich hier meist chronisch, das heißt, auch in der Ruhe-Schwebe des Unterkiefers entspannt die Kaumuskulatur nicht mehr, sondern bleibt verkrampft. Grenzbewegungen in subluxierte Gelenkstellungen sind für den Myozentriker ohne jedes Interesse, daher unterbleiben Manipulationen des Unterkiefers des Patienten vollständig. Vielmehr liegt das besondere Augenmerk darauf, eine einmal erreichte muskuläre Entspannung nicht durch das Registrierverfahren selbst wieder zunichte zu machen. Hierfür muss sich der Patient während der Registrierung in einer aufrechten Körperhaltung befinden.

Selbst dentale Vorkontakte, welche für Okklusionsstörungen und Dysfunktionen verantwortlich gemacht werden, unterscheiden sich diametral: Werden in der Gnathologie meist posteriore exzentrische Störungen gesucht,  gefunden und eingeschliffen, so zeigt sich in der Myozentrik, dass nach der Entspannung der Muskulatur die posterioren Zähne häufig völlig außer Kontakt stehen und ein Einschleifen dort das Problem der Muskelverspannung eher noch verstärken würde. Die Bisshebung um die Scharnierachse hat in der Gnathologie noch nie gut funktioniert, denn sie führt zu einer höheren und retraleren Zentrallage, und wird von vielen Gnathologen auch nach Möglichkeit vermieden. In der Myozentrik treten nach der Muskelentspannung sehr häufig vertikale Insuffizienzen zu Tage, und die Myozentrik findet sich nicht selten in einer höheren, aber auch mesialeren Kieferposition, welche klinisch vom Patienten so gut wie immer sofort angenommen wird.

Böse Zungen behaupten gerne, dass die Myozentrik den Unterkiefer immer protrudiere. Früher ging die Argumentation um die TENS*-Impulse selbst: Zuerst wurde behauptet, diese erfolge nicht auf neuralem Wege, erreiche daher nur die Massetermuskulatur und führe daher nicht zu validen Bisslagen. Als die neurale Leitung der TENS-Impulse dann erwiesen war, drehte man die Argumentation kurzerhand um: Da bei der Kontraktion auch die Mm. pterygoidei laterales stimuliert würden, könne sich keine valide Bisslage ergeben. Außenstehende können natürlich nicht wissen, dass Myozentriker heute sehr differenziert mit dem TENS-Gerät umgehen und die Tage der Bissregistrierung unter hohen TENS-Amplituden längst vorüber sind. Die TENS ist für die vorbereitende Muskelentspannung von großer Bedeutung, nicht aber für die Bissregistrierung selbst. Und so ergeben sich bei der modernen Myozentrik von alleine fast immer Neutralbisse.  Anglebeziehungen der Klassen II oder III, oder Mittellinienverschiebungen kommen klinisch nur bei dentoalveolären Verschiebungen, skelettalen Fehlentwicklungen, oder gelegentlich einmal bei ungelösten Blockaden in den Kiefer- oder Kopfgelenken vor, welche dann vom versierten Myozentriker in die weitere Therapie mit einbezogen werden.

Es bleibt zusammenzufassen:

  1. Die Muskelfuktion ist für die Myozentrik von oberster Bedeutung. Die Kaumuskulatur muss vor einer Bissregistrierung entspannt werden, g.g.F. auch gezielt durch Ko-Therapeuten.
  2. Die Registrierung der UK-Lage erfolgt nur bei aufrechter Körperhaltung und ohne jede Manipulation von außen. Die angewandte Registriertechnik selbst stellt sicher, dass der muskuläre Ausgleich nicht durch die Registrierung selbst wieder verloren geht.
  3. Die Myozentrik leitet sich aus einer entspannten und ausgeglichenen Ruhe-Schwebe des Unterkiefers ab. Sie ist nicht nur eine Bissnahmetechnik, sondern ist eingebettet in eine funktionell-orthopädische Sichtweise zu verstehen.

* TENS = Transkutane elektrische Neural-Stimulation

Copyright: Institut für Temporo-Mandibuläre Regulation, 1999. Letzte Revision: 27. August 2006.
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