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| Rainer Schöttl, Doctor of Dental Surgery (Emory Univ., Atlanta, USA)
Die Cranio-Mandibuläre Orthopädie ist ein eingetragenes Warenzeichen für einen im ITMR angebotenen, klar gegliederte Fortbildungsreihe für Zahnärzte. Im Vordergrund steht hierbei die Unterkieferhaltung im Wechselspiel mit der Körperhaltung. Die Cranio-Mandibuläre Orthopädie baut, was die Ermittlung der Bisslage anbelangt, auf dem Konzept der Myozentrik nach Jankelson auf, bezieht jedoch die Erkenntnis mit ein, dass die Ruhe-Schwebe des Unterkiefers eingebettet in die ganzkörperliche Funktion zu sehen ist. So kann eine physiologisch optimale Ruhe-Schwebe nicht ermittelbar sein, wenn gleichzeitig funktionelle Blockaden, wie eine chronische Mundatmung, oder strukturelle Blockaden, z. B. eine Beinlängendifferenz, bzw. ein Beckenschiefstand, vorliegen. Inhaltsübersicht:Einführung, Definition, Grundlagen, Körperhaltung, Akkommodation, Akkommodation der Unterkieferhaltung, Die chronische Mundatmung, Muskelschmerzen und Trigger-Punkte, Zusammenfassung, Empfohlene Literatur
EinführungNeben den modernen" Zivilisationskrankheiten, wie A.I.D.S., Herz-Kreislauferkrankungen und den Allergien wird eine der wichtigsten Geiseln der zivilisierten Menschheit nur allzu häufig übersehen: chronische Schmerzen. Eine von einem amerikanischen Versicherungskonzern vor einigen Jahren durchgeführte Untersuchung kam zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass bereits zu dieser Zeit in den USA 156,9 Millionen Arbeitstage pro Jahr alleine den Kopfschmerzen zum Opfer fallen! Die Forschung wird hier in etlichen Spitzen vorangetrieben, von denen sich die meisten mit biochemischen Schmerzmechanismen und der Entwicklung entsprechender pharmakologischer Präparate befassen. Wo immer möglich, sollten jedoch chronische Schmerzen nicht palliativ, sondern ursächlich behandelt werden, eine in dieser Größenordnung einmalige Herausforderung an die moderne Medizin zur interdisziplinären Zusammenarbeit, da chronische Schmerzen von praktisch allen Körpersystemen ausgelöst werden können.
GrundlagenSpeziell im Zusammenhang mit herkömmlichen gnathologischen Maßnahmen ist ein Durchbruch bei der Behandlung von cranio-mandibulären Funktionsstörungen, wie Bruxismus, Kiefergelenkserkrankung und diversen chronischen Schmerzen in den letzten 20 Jahren nicht erkennbar. Zwar haben sich die Methoden, z. B. zur präzisen Auffindung der sogenannten Scharnierachse", oder zur Aufzeichnung von Kiefergelenksbewegungen in diesem Zeitraum außerordentlich verfeinert, und es gibt heute auf dem deutschen Markt eine größere Vielzahl von gnathologischen Geräten als irgendwo sonst auf der Welt, jedoch hat sich im gleichen Zeitraum die Verbreitung von solchen Funktionsstörungen drastisch zugespitzt. Das Institut für Temporo-Mandibuläre Regulation in Erlangen hat daher einen völlig neuen Gedankenansatz entwickelt. Ein wichtiges Prinzip hierbei ist, nicht wie üblich zwischen normal" und anormal" zu unterscheiden, sondern eher zwischen optimal" und suboptimal", d. h., zu ermitteln, wie stark die muskuloskelettale Belastung ist, der ein Mensch unterliegt. Ein guter Ansatz liegt hier in der Betrachtung der aufrechten Körperhaltung, zu der unter anderem auch die Haltung des Unterkiefers gehört. Die Prämisse hierbei ist, dass die für einen Menschen maximale Leistungsfähigkeit als optimal" gilt. Je mehr Kompromisse durch muskuloskelettale Akkommodationen eingegangen werden müssen, desto mehr muss die Muskulatur an der Aufrechterhaltung der Statik beteiligt werden, was deren Bewegungspotential vermindert und daher suboptimal" ist, da nun die volle Leistungsreserve nicht mehr zur Verfügung steht. Ein Beispiel ist die Kopfvorhaltung: Die Schwerkraftlinie des Craniums liegt nicht mehr über, sondern vor der Wirbelsäule. Um den Kopf in dieser Stellung zu halten, muss sich nun die Nackenmuskulatur umso mehr an der Haltung des Kopfes beteiligen, je weiter dessen Schwerkraftvektor vor der Wirbelsäule liegt. Anstatt mit minimaler Energie den Kopf lediglich in der Balance zu stabilisieren, muss nun die Nackenmuskulatur allein zur Aufrechterhaltung der statischen Körperhaltung erhebliche Arbeit leisten, wodurch sich ihr Leistungspotential zusehends verringert. Die Kopfbeweglichkeit des Patienten ist mehr und mehr eingeschränkt, die Nackenmuskeln ermüden schnell, und bereits kleine Reize, die normalerweise kein Problem darstellen, wie etwas Zugluft, führen zu Nackenschmerzen. Bleibt dieser Zustand über längere Zeiträume erhalten, so wird selbst die Struktur der Nackenmuskeln den statischen Elementen (Bänder und Knochen) immer ähnlicher: Die Muskulatur wird härter und unbeweglicher, bleicher (weniger gut durchblutet) und faseriger, sie verhärtet". Hinzu kommt noch, dass es aufgrund der größeren und ungünstigeren Kraftvektoren zu einem erheblichen Verschleiß in der HWS kommt, der dann zwar häufig diagnostiziert, nicht jedoch erklärt werden kann.
Körperhaltung
Um die Körperhaltung zuverlässig beurteilen zu können, muß sie im Vergleich zu bestimmten Bezugsebenen betrachtet werden, wobei wir uns hier auf die sagittale und die coronale (frontale) Ebene beschränken wollen. Da die Körperhaltung sehr veränderlich ist, wählt man am besten einen relativ fixen Punkt zur Orientierung dieser Ebenen, z. B. das Schwerkraftzentrum des Körpers, ein Punkt, in dem sich die coronale, die sagittale und die horizontale Schwerkraftlinie schneiden. Dieser Punkt liegt beim Erwachsenen im Becken. Es ist dies der Fall, wenn in der Sagittalen das Schwerkraftzentrum in einer Linie über den Knie- und Sprunggelenken liegt, und die Schultern und die Ohren in einer Linie über dem Schwerkraftzentrum liegen. Fällt in der Frontalen gleichzeitig das Lot vom Schwerkraftzentrum in die Mitte zwischen beiden Füßen und stehen dabei die Mittellinien des Torso und des Kopfes direkt darüber, so wird die Schwerkraft optimal auf das Skelett übertragen und nur die geringste Beteiligung der Muskulatur ist von Nöten, das heißt, die Muskulatur hat die maximale Leistungsreserve zur Erzeugung von Bewegung, gleichzeitig aber auch das bestmögliche Erholungspotential in der Ruhe, da hier nur geringste Aktivitäten zur Erhaltung der Statik gebunden sind.
AkkommodationIn der Tat findet sich eine optimale Körperhaltung, wie soeben beschrieben, in der Bevölkerung moderner Zivilisationsländer nur selten. Eine Körperfehlhaltung eines gewissen Grades könnte hier als normal" betrachtet werden, ebenso, wie gelegentlich auftretende Kopf- oder Rückenschmerzen vielfach auch schon als normal" gelten. Wir sprechen von Akkommodadionen im muskulo-skelettalen System, wenn die Körperhaltung vom Optimum abweicht und nun dem muskulären System vermehrt Aufgaben des skelettalen Systems zufallen. Dies mag durch Lebensgewohnheiten ausgelöst werden, wie z. B. die Kopfvorhaltung beim Studenten oder Buchhalter, oder eine tiefe rechte Schulter mit Skoliose und ungleicher Lastverteilung zwischen den Beinen beim Rechtshänder aufgrund einseitiger Bewegungsmuster. Genauso gut können solche Akkommodationen aber auch durch physiologische Fehlfunktionen ausgelöst werden, wie bei der chronischen Mundatmung, die eine veränderte Zungen-, Mund- und Kopfhaltung erzwingt, oder beim Blähbauch, bei dem der Darm ein unangemessenes Volumen einnimmt, das Zwerchfell displaziert und die gesamte Körperhaltung beeinträchtigt. Akkommodationen können auch durch Verletzungen nötig werden, nach denen eine Schonhaltung eingenommen werden muss, ein verletztes Gelenk, eine Sehne oder ein Band muskulär geschient werden muss, oder ein Muskel primär verletzt wird, wie bei einer Zerrung oder einem Trauma. Solche Akkommodationen sollten sich nach der Heilung von selbst wieder lösen, bleiben jedoch bei der Bewegungsarmut unserer Zeit und dem damit einhergehenden Durchblutungsmangel bei einer gleichzeitig häufig anzutreffenden Vorbelastung des Bewegungsapparates nur allzu oft erhalten, heilen nicht aus", sondern ein". Schließlich können Akkommodationen auch durch anatomische Faktoren verursacht werden, wie ein anatomisch kürzeres Bein oder einen verkürzten Hemipelvis, oder durch physiologische Probleme, wie asymmetrische Seh- oder Hörbehinderungen.
Akkommodation der UnterkieferhaltungDas Kausystem ist der einzige Teil des Bewegungsapparates, dessen Bewegung in einem definitiven, präzisen Hartgewebekontakt mündet: der Okklusion der Zähne. Die Muskulatur muß daher immer die notwendige Anstrengung unternehmen, um Unterkiefer, Kiefergelenk und Zähne an exakt diesen Punkt mit hoher Präzision zu bewegen. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass der Unterkiefer und dessen Bewegung auch von Muskelzügen der Hyoidmuskulatur beeinflußt wird, dem zufolge also auch die Kopfhaltung Einfluß auf die notwendige Muskelarbeit zum Erreichen der Okklusion hat. Dies braucht nicht erst wissenschaftlich" nachgewiesen werden, jedermann kann dies sofort am eigenen Körper nachvollziehen: Steht oder sitzt man aufrecht und tappt spielerisch und kraftfrei mit den Zähnen zusammen, so wird man merken, daß die ersten leichten Zahnkontakte wandern, wenn man den Kopf vor, zurück oder zur Seite neigt, oder verdreht. Hierdurch wird klar, dass die Unterkieferstellung von der Kopfhaltung beeinflusst wird. Da die zahngegebene Okklusion aber einen Fixpunkt bildet, ist die zur Auffindung nötige Muskelarbeit deutlich von der Kopfhaltung beeinflusst. Bei vorübergehenden Bewegungen ist dies zum Glück kein Problem: Wir können beim Essen selbstverständlich den Kopf bewegen, ohne dass dies drastische Auswirkungen hätte. Der Bewegungsapparat ist für solche transiente Akkommodationen in geradezu genialer Weise ausgelegt. Anders ist dies bei chronischen Zuständen. Bleiben wir einmal bei dem Beispiel der Kopfvorhaltung: Wichtig ist nun das Verständnis, dass es hier keine Einbahnstraßen gibt. Ebenso wie sich die Kopfhaltung auf die Unterkieferhaltung auswirkt, kann sich die Unterkieferhaltung, die ja auch von dem okklusalen Fixpunkt abhängig ist, auf die Kopfhaltung auswirken. Richtet der Zahnarzt also - aus welchen Gründen auch immer - bei seinem Patienten eine Okklusalposition ein, die bei vorgehaltenem und rückrotiertem Kopf leichter zu erreichen ist, z. B. indem rückwärtige und superiore Grenzstellungen der Gelenkkondylen angestrebt werden, so stehen die Chancen gut, dass der Bewegungsapparat des Patienten in diese akkommodative Stellung verfallen wird. Typische Auswirkungen sind dann, wenn oft auch erst nach Jahren, chronische Nackenschmerzen. Wiederholt man nun das Spiel mit dem leichten Zähnetappen und ändert dabei nicht die Kopf- sondern die Körperhaltung (z. B. im Stehen unter einen Fuß ein Buch unterlegen), so merkt man schnell, dass in Wirklichkeit die gesamte Körperhaltung die Bewegung des Unterkiefers beeinflusst, umgekehrt also die Kieferstellung auch auf die gesamte Körperhaltung Einfluss haben kann, ein Bild, das wir bei chronischen cranio-mandibulären Dysfunktions- und Schmerzpatienten nur allzu häufig sehen.
Die chronische MundatmungEtliche Mechanismen haben die Möglichkeit, die Entwicklung eines harmonischen Zusammenspiels zwischen Zahnstellung, Unterkieferhaltung und Körperhaltung zu stören. Die häufigste Ursache für eine solche Störung ist zugleich diejenige, die zumeist unerkannt bleibt: die chronische Mundatmung. Versuche mit Rhesusaffen haben gezeigt, dass das Wachstum und die Entwicklung empfindlich beeinträchtigt wird, wenn sie experimentell durch Verlegung der Nasenluftwege zur Mundatmung gezwungen werden. Folgende Entwicklungen waren besonders augenfällig:
In Unkenntnis dieser Zusammenhänge wird gewöhnlich angenommen, die Entwicklung und das Wachstum folgen ausschließlich einer genetischen Veranlagung. Studien zeigen, dass eine kieferorthopädische Behandlung gerade in solchen Fällen dem Risiko eines Rezidives ausgesetzt ist, d. h., werden die Zähne nach Abschluss der Kieferorthopädie nicht künstlich fixiert, fällt die Zahnstellung wieder zurück. Dies ist auch der Grund dafür, warum man versucht, sogenannte Wachstumsprognosen" nach einem Röntgenbild zu erstellen, nämlich, um eine solche Entwicklung eines langen Untergesichtes frühzeitig zu identifizieren. In Wirklichkeit liegen hier jedoch keinesfalls unüberwindbare genetische Kräfte" vor, sondern es bleibt häufig einfach die funktionelle Ursache für die Fehlentwicklung unerkannt. Da sie dann natürlich auch nicht behandelt wird, kann sie weiterhin ungestört ihren Einfluss auf die Entwicklung nehmen, wodurch sich die Prognosen dann auch bewahrheiten! Folgende funktionellen Wechselspiele mit der chronischen Mundatmung sind inzwischen bekannt:
Die Auswirkungen der chronischen Mundatmung sind in der Tat nicht zu unterschätzen. Die sinnvollste Therapie ist hier die Vorbeugung, lange bevor der Arzt eingeschaltet werden muss: die Vermeidung von Allergenen durch die schwangere Mutter und auch für das Neugeborene. Kuhmilch wird von Säuglingen häufig schlecht vertragen und darin enthaltene Eiweiße gehören zu den Topallergenen für Neugeborene. Man sollte daher getrost auf die allzu frühe Zufütterung von Kuhmilchprodukten verzichten.
Muskelschmerzen und Trigger-PunkteBaut sich die aus chronischen Akkommodationen notwendige muskuläre Hyperaktivität genügend auf und sind die Gewebe aufgrund der Chronizität entsprechend vorbelastet, so entstehen im Laufe der Zeit immer häufigere Episoden von Muskelschmerzen, bei denen die folgenden Mechanismen zum Tragen kommen: Einengung von Nervendurchtritten durch verhärtete, chronisch kontrahierte Muskelareale führt zu neuralen Symptomen, wie Anästhesie, Parästhesie oder Hyperästhesie. Dr. Janet Travell beschrieb in ihrem Buch Myofascial Pain and Dysfunction, The Trigger Point Manual" die weichgewebliche Kompression (Entrapment") des Plexus brachialis zwischen den Scaleneus-Muskeln des Nackens mit Parästhesien und Taubheit in den Fingern, die Kompression des N. buccinatorius in der Pterygoidmuskulatur mit Parästhesien und Schmerzen in den Wangen, die Kompression des N. occipitalis im M. splenius capitis mit Kopfschmerzen in der Stirn, usw.
Die Therapie gestaltet sich meist erstaunlich einfach mit Ultraniederfrequenz T.E.N.S., der Neuromuskulären Therapie, Spray&Stretch nach Travell, Neuraltherapie, Schiatsu, Akupunktur, etc.
ZusammenfassungChronische muskulo-skelettale Dysfunktionen bleiben in der Schmerzdiagnostik häufig unerkannt. Soll sich hier eine fachübergreifende Zusammenarbeit entwickeln, so ist insbesondere in der Gnathologie die Entwicklung von physiologischen Konzepten unvermeidlich, die Weichgewebefunktion und ganzkörperliche Zusammenhänge mit berücksichtigen.
Empfohlene LiteraturSchöttl: Die Cranio_Mandibuläre Orthopädie Jankelson: Neuromuscular Dental Diagnosis and Treatment, Ishyaku Verlag |
Copyright: Institut für Temporo-Mandibuläre Regulation, 1999.
Letzte Revision: 27. August 2006.
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